Auch bei DoP Matthias Bolliger haben sich durch Corona einige Projekte verschoben
26.05.2020 | Ein Corona-Lagebericht der norddeutschen Filmbranche

Drehen auf Sicht

Neue Streamingplattformen entwickeln, an zukünftigen Stoffen schreiben oder auch einfach mal das Bad renovieren – jede*r nutzt die Zeit der Corona-Beschränkungen anders. Wir haben uns bei den Film- und Medienschaffenden in Hamburg und Schleswig-Holstein ein wenig umgehört und geschaut, wo die Reise in den nächsten Monaten hingeht.

Kino neu gedacht

Jan Krüger von Port au Prince Films war mit seiner Koproduktion "Das schwarze Quadrat" gerade im letzten Viertel der Dreharbeiten angelangt, als dann auf einmal nichts mehr ging: „Wir haben uns im März jeden Tag aufs Neue gefragt, ob wir weiter drehen können oder nicht. Am Ende blieben noch sieben Drehtage hängen", verrät der Geschäftsführer, der mit Port au Prince Pictures auch den Verleih des neuen Kinofilms übernimmt (majoritär von Frisbeefilms produziert). Im Juni sollen die Dreharbeiten nun weitergehen, doch in der Zwischenzeit ist viel passiert. Krüger hat die neue Hamburger Firma Cinnovation GmbH gegründet und mit Cvod.de innerhalb weniger Wochen eine Plattform aus dem Boden gestampft, die aktuelle Kinofilme als Event per Stream erlebbar machen soll. Den Anfang hat am 10. Mai der Systemsprenger-Kinotag gemacht. 

Jan Krüger (l.) feiert Ende 2019 mit Team die 500.000te Systemsprenger-Kinobesucherin in den Hamburger Zeise Kinos

Der Film konnte für 24 Stunden auf der Plattform gestreamt werden, außerdem gab es abends ein Q&A mit Cast und Crew samt Regisseurin Nora Fingscheidt und Hauptdarstellerin Helena Zengel. Knapp 2.000 Leute haben sich für 9,99 Euro ein digitales Ticket gezogen. Ein Drittel der Einnahmen kommt Kinos zugute, die sich der Aktion angeschlossen haben. „Aktuell führen wir noch Gespräche mit Marketingpartnern, Verleihern und weiteren Kinos. Cvod soll sich als zusätzlicher Baustein in der Auswertungskette etablieren", so Krüger. Im Juni und Juli werden weitere digitale Filmevents folgen. „Meiner Meinung nach bringt es nichts darüber nachzudenken, wie es schnell wieder so wird, wie es einmal war. Wir sollten eher nach vorne gucken und uns fragen: Wie kann es anders funktionieren?"

Und so sah das F&Q am Systemsprenger-Kinotag aus

Hygiene-Maßnahmen am Set

Wie es in Zukunft in Sachen Hygiene weitergehen kann, hat Art Director und Szenenbildner Seth Turner (u.a. Fatih Akins "Aus dem Nichts" und "Der Goldene Handschuh") vor knapp zwei Wochen bei seinem ersten Job nach den Lockerungen erlebt. Im Mai drehte er einen Werbespot für Markenfilm in der Nähe von Hamburg auf einem Privatgelände ohne Publikumsverkehr. Er und sein Team haben ein Haus komplett ausgestattet: „Das Hygienekonzept wurde vor Ort super durchgezogen. Morgens mussten wir am Set einchecken, uns desinfizieren und unsere Maske abholen, die alle vier Stunden gewechselt werden mussten. Außerdem wurde auf den Mindestabstand von 1,5 Metern geachtet. Es ging immer wieder jemand rum, der uns daran erinnerte. Wir haben mit einer sehr kleinen Crew im Haus gedreht, ein Großteil musste draußen warten", so der Hamburger Szenenbildner. Er könne sich jedoch beim besten Willen nicht vorstellen, wie man unter diesen Bedingungen einen kompletten Film drehen soll. „Wir hatten lediglich einen Drehtag mit vier Tagen Vorbereitung und einem Tag Abbau – das war unter den Hygienemaßnahmen schon sehr anstrengend. Die Maske 10 bis 12 Stunden zu tragen ist wirklich unangenehm, außerdem dauert alles einfach viel länger. Wie soll das bei einer Produktion von vier bis sechs Wochen funktionieren?" Welche Konzepte sich in der Praxis tatsächlich etablieren, wird die zweite Jahreshälfte zeigen.

Seth Turner war unter anderem als Art Director für Fatih Akins "Der Goldene Handschuh" tätig
Seth Turner

Zeit für Weiterbildungen nutzen

Viele Menschen haben die letzten zwei Monate dazu genutzt, sich auf die eine andere Weise weiterzubilden. Dabei muss es nicht immer direkt eine neue Sprache oder ein Instrument sein – digitale Workshops zu arbeitsrelevanten Themen haben und hatten ebenfalls Hochkonjunktur. Auch bei der Hamburg Media School hat sich ein Teil des Seminarangebots ins Netz verlagert. „Der Austausch von Seminarteilnehmern und Referenten findet aktuell mittels Videokonferenzen statt – von Zoom über Googles Kommunikationsplattform Hangouts, Apples Facetime, Slack oder dem Angebot von WhatsApp, alle technischen Möglichkeiten sind vertreten. Und so lernen die Teilnehmer nicht nur etwas über beispielsweise digitale Geschäftsmodelle, sondern auch noch etwas über technische Tools für die Zusammenarbeit", sagt Ulrike Dobelstein-Lüthe, die den Bereich "Weiterbildung" an der Hamburg Media School leitet. Innerhalb von zwei Tagen habe man im März viele der Seminare ins Digitale überführt – ein Kraftakt, der sich laut Dobelstein-Lüthe in Zukunft hoffentlich auszahlt. In den Masterstudiengängen sieht es ähnlich aus. Vorlesungen finden auch hier per Online Meeting statt, wie an vielen anderen Hochschulen auch. Doch mit der neuen Technik läuft natürlich nicht immer alles nach Plan. „Aktuell schwanken wir zwischen 'alles läuft gut' und 'nichts geht'. Mal gehen wir ganz euphorisiert in den Feierabend – vor allem dann, wenn unsere Webinare gut gelaufen sind – mal sind wir aber auch ein bisschen niedergeschlagen", so Dobelstein-Lüthe. Ein Auf und Ab, das viele Bildungsträger die nächsten Wochen und Monate noch begleiten dürfte.

Leitet den Bereich "Weiterbildung" an der HMS: Ulrike Dobelstein-Lüthe

DoP Matthias Bolliger (u.a. 4 Blocks) hat in den vergangenen Wochen ebenfalls Webinare an der Hamburg Media School gegeben. Um die Technik bestmöglich ausnutzen zu können, hat er hierzu im Vorwege selbst ein Online-Coaching besucht. „Nach dem Abbruch der Dreharbeiten zu "DAS HAUS" von Wüste Medien für den NDR musste ich mich als Solo-Selbständiger zunächst neu organisieren. Die Gage der abgebrochenen Produktion war zu verhandeln und es galt, sich auch um die Soforthilfen zu bemühen" verrät der Hamburger. Es bereite ihm jedoch etwas Sorgen, was passiere, wenn die dreimonatige Förderphase ausläuft. In seiner Heimat der Schweiz ist es möglich, nachgewiesene Honorarausfälle bis zu einem maximalen Deckelbetrag anzumelden. In Deutschland muss er schauen, was bei abgebrochenen Dreharbeiten noch an Gage übrigbleibt.

Matthias Bolliger gibt aktuell u.a. Webinare für die Hamburg Media School

Ein Blick über den Tellerrand – was machen Web-Sender in Zeiten von Corona?

Wer seinen Content eh den ganzen Tag live aus einem Studio übers Internet streamt, braucht in Corona-Zeiten kaum umdenken, oder? Das stimmt leider nicht so ganz: „Auch wir haben natürlich möglichst viele Arbeitsprozesse umgestellt, sodass 90 Prozent der Belegschaft von zu Hause arbeitet. Das inkludiert auch das Streamen von Daheim mit geeignetem Equipment. Auch Sendungen wurden für den Heimbetrieb entweder produktionstechnisch geändert, oder aber abgesagt und durch kompatiblere Formate ersetzt", verrät Britta Schewe, die als Chief Sales & Marketing Officer bei Rocket Beans TV für die Verbreitung und Vermarktung des Hamburger Web-Senders zuständig ist. 

Das Team des Senders denkt digital und sieht das Internet als Gedankenspielplatz – ein Vorteil gegenüber den klassisch(er)en Medien. Dennoch: „Trotz positiver Grundeinstellung muss man nicht alles zwanghaft schönreden: uns fehlen die KollegInnen, der persönliche Austausch, Umarmungen, der Klatsch an der Kaffeemaschine. Einzelne Leute gehen freiwillig mal einen Tag ins Büro, um etwas Anderes zu sehen als ihren Küchentisch", so Schewe. Gibt es denn etwas, das die klassische Filmbranche von den Digital Natives lernen kann? „Das Internet zum Beispiel nicht als Medium zweiter Klasse gegenüber TV und Kino zu verstehen, empfehle ich ohnehin seit vielen Jahren. Wobei US-Streamingdienste bislang den größten Dienst im Sinne der Auflösung dieses Vorurteils geleistet haben. Insbesondere im Hinblick auf ein intelligentes Distributionskonzept, das zur Finanzierung eines Projekts beitragen kann. Auch Branded Entertainment wird im klassischen, deutschen Film immer noch zu zögerlich als Finanzierungsquelle eingesetzt. Da clashed in vielen Köpfen direkt Kunst mit Kommerz, was ich sehr schade finde", sagt Schewe.

Britta Schewe von den Rocket Beans

Und wie geht es jetzt weiter? Fahren auf Sicht

Homeoffice bedeutet, viel Zeit in den heimischen vier Wänden zu verbringen. Der Alltag wird ein anderer. „Für mich hat die Krise eine große Entschleunigung bedeutet. Der Tag startete entspannter mit Yoga und Meditation, was ich unbedingt beibehalten möchte" verrät Kalli Brunnbauer, die eine Künstleragentur (Genuin) für Schauspieler*innen in Hamburg Ottensen hat. Der Schleswig-Holsteiner Filmemacher Moritz Boll nutzte die Zeit unter anderem, um sein Bad zu renovieren. Auch Seth Turner wechselte aus der Werkstatt in die Kinderbetreuung und konnte seine kreative Ader für einige Woche mit seinem Nachwuchs ausleben und reichlich basteln. All das funktioniert natürlich für ein paar Wochen, doch irgendwann schwindet das Geldpolster und es muss wieder losgehen. „Einige meiner Schauspieler*innen, die durchgehende Rollen in Serien in zum Beispiel Notruf Hafenkante oder dem Großstadtrevier haben, starten demnächst wieder. Für viele freischaffende Schauspieler*innen ist es aktuell jedoch eine ziemlich harte Zeit. Für sie gab es bisher keine finanziellen Hilfen. Auch der Zugang zu Hartz 4 wurde entgegen vieler Behauptungen nicht erleichtert. Wenn sie nicht drehen, bekommen sie also kein Geld", sagt Kalli Brunnbauer. Moritz Boll konnte in Schleswig-Holstein ebenfalls keine Soforthilfe beantragen, da diese nur für betriebliche Ausgaben genutzt werden darf. „Zum Glück haben sich dann aber durch Corona auch neue Auftragsarbeiten ergeben, wie zum Beispiel ein Porträt über einen Kinderbuchautoren, der statt auf einer Preisverleihung nun in filmischer Form geehrt wird", so Boll.

Kalli Brunnbauer ist Inhaberin der Künstleragentur Genuin in Hamburg
Hamburger Produzentin Frauke Kolbmüller
Filmemacher Moritz Boll aus Schleswig-Holstein

Unbestritten bleibt, dass Dreharbeiten in den nächsten Tagen und Woche wieder mehr und mehr stattfinden werden. Wie so etwas aussehen kann, hat Seth Turner bereits am Anfang des Artikels beschrieben. Doch gerade für Produzent*innen ist die Lage nach wie vor schwierig: „Generell ist eine große Planungsunsicherheit da, weil es keine Risikominimierung für Produzenten gibt. Eines unserer Projekte haben wir daher von Herbst auf Frühjahr 2021 geschoben, ein weiteres haben wir innerhalb des Jahres weiter nach hinten gesetzt. Aber auch hier ist noch nicht klar, ob wir die Dreharbeiten durchführen können, da wir in drei Ländern drehen müssen", sagt Frauke Kolbmüller, die mit ihrer Firma Oma Inge Film zuletzt den Überraschungserfolg "Systemsprenger" koproduziert hat.

Der Workload habe sich laut Kolbmüller durch Covid-19 verdoppelt, was im fertigen Film später natürlich niemand sehen wird. In den letzten Monaten sei man viel damit beschäftigt gewesen, Projekte umzustrukturieren und Arbeiten nach vorne zu ziehen, die normalerweise erst später stattgefunden hätten. Gerade die Autoren schreiben aktuell fleißig an neuen Stoffen. Und wo sieht Kolbmüller die Film- und Kinobranche in einem Jahr? „Dann können die Menschen wieder ins Kino gehen, davon gehe ich fest aus. Dennoch denke ich, dass es vor allem Programmkinos schwer haben werden, wieder auf die Beine zu kommen, hier ist viel Kreativität gefragt. Auf produktioneller Ebene haben wir uns wahrscheinlich an neue Workflows gewöhnt, die Schutzmaßnahmen werden in eine neue Normalität einfließen. Ich hoffe, dass wir diese dann besser mit grünen Drehmaßnahmen in Einklang bringen können. Und ich wünsche mir sehr, dass wir bis dahin eine Möglichkeit gefunden haben, das Risiko auf mehreren Schultern zu verteilen."

Titelbild Matthias Bolliger: Andreas Warner;
Der Goldene Handschuh: Bombero int/Warner Bros/Gordon Timpen; Matthias Bolliger2: Hans Starck; Britta Schewe: Barbara Dietl für Goldrausch; Kalli Brunnbauer: Werner Brunnbauer; Frauke Kolbmüller: Marcus Gaertner; Moritz Boll: Anna Linnea Urmersbach
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