27.02.2020 | Goldener Bär für "There is no Evil"

Die Schönheit des Widerstandes

Der Episodenfilm „There is no Evil" hat bei der 70. Berlinale den Goldenen Bären gewonnen – die wichtigsten Person war an diesem Tag jedoch nicht anwesend: Regisseur und Wahlhamburger Mohammad Rasoulof. Er darf den Iran aufgrund seiner regimekritischen Filme aktuell nicht verlassen. Warum er sich dennoch nicht unterkriegen lässt und wie er seine Erlebnisse der letzten zwei Jahre in seinem neuen Film verarbeitet hat, erzählte er uns in einem schriftlichen Interview wenige Tage vor der Preisverleihung.

Dein neuer Film "There is no Evil" handelt von Eigenverantwortung in einem autoritären Regime. Kennst du das Thema aus deinem eigenen Umfeld?

Mohammad Rasoulof: Ich fing an über das Thema nachzudenken, nachdem ich im September 2017 aus Cannes von der „A Man of Integrity"-Premiere in den Iran zurückgekehrt war. Noch am Flughafen wurde mein Pass von der „Armee der Wächter der Islamischen Revolution" konfisziert – sie stehen der iranischen Regierung sehr nahe. Der Film hatte sie scheinbar sehr verärgert, und so begannen die Verhöre. Zu dieser Zeit fragten mich viele Leute, warum ich in den Iran zurückgekehrt sei, wenn ich mich doch dafür entschieden hatte, Filme zu machen, welche die systematische Korruption im Land kritisieren und aufdecken. Sie sagten, es wäre besser gewesen, wenn ich nach „A Man of Integrity" nicht in den Iran zurückgekehrt wäre. Das war wirklich die häufigste Aussage, die ich zu dieser Zeit aus meinem Umfeld gehört habe. All diese Appelle machten mir klar, dass es in meinem nächsten Film genau darum gehen muss: Verantwortung für sein Handeln in einem autoritären Regime übernehmen.

Ein Teil von Rasoulofs Team nach der Preisverleihung des Goldenen Bären bei der Berlinale mit FFHSH-Chef Helge Albers (r.)
Mohammad Rasoulof bei den Dreharbeiten von "There is no Evil" im Iran

Wie bist du auf die Idee gekommen, den Film in vier Episoden zu unterteilen?

Mohammad Rasoulof: Ich wusste, dass es für mich unmöglich sein wird, die erforderlichen Drehgenehmigungen für einen neuen Film beim Zensurbüro zu bekommen. Und so drehte ich an verschiedenen Orten im Iran heimlich mehrere Kurzfilme  – also die vier Episoden. Mir kamen sehr schnell verschiedene Geschichten mit unterschiedlichen Charakteren in den Kopf.

Der Film wird in insgesamt vier Episoden erzählt

Gab es ein offizielles Casting für den Film?

Mohammad Rasoulof: Es war nicht gerade leicht, Darsteller für den Film zu finden. Ich hatte für jede Episode einen Assistenten, der den jeweils passenden Cast gesucht hat. Es ging jedoch nicht darum, Darsteller mit besonderen künstlerischen Fähigkeiten oder gutem Aussehen zu finden. Es war viel wichtiger, dass sie „nein" zur Zensur sagen konnten und bereit waren, in einer Untergrundproduktion mitzuspielen – das galt natürlich nicht nur für den Cast, sondern die gesamte Crew. Ich hatte das große Glück, mit einem unglaublichen Team zusammenzuarbeiten, das sich aus den besten Leuten des iranischen Kinos zusammensetzt. Diese Menschen sind nicht nur die Besten auf ihrem Gebiet, sondern besitzen auch eine Art von „Sozialer Vision", die für so ein Werk unerlässlich ist. Es gab ein außergewöhnliches Gefühl der Verbundenheit zwischen mir, den Produzenten, den Schauspielern und der Crew in der Produktion und auch Postprodutkion. Sie alle haben den Druck und die Schwierigkeiten einer Untergrundproduktion für mich auf ein Mindestmaß reduziert. Ein Großteil der Last lag auf ihren Schultern. Ich bin immer noch voller Ehrfurcht vor allem, was sie für diesen Film getan haben.

Rasoulof und sein Team, ohne das der Film nicht möglich gewesen wäre

Wo und wie habt ihr die Drehorte für den Film gefunden?

Mohammad Rasoulof: Gemeinsam mit meinem Team habe ich viele Tage damit verbracht, die tolle Natur im Iran zu erkunden und nach Orten zu suchen, die meinen Vorstellungen entsprachen. Die Locations wurden von meinen Assistenten und Bühnenbildern sehr sorgfältig ausgesucht und designed. Es war mir wichtig, dass meine Probleme im Iran keine Auswirkungen auf die Qualität des Films haben. Ich wollte zeigen, dass es möglich ist „Nein" zur Zensur zu sagen und gleichzeitig die Schönheit und die Größe eines solchen Widerstandes einzufangen.

Wann der Regisseur den Iran wieder verlassen darf, ist noch ungewiss

Was genau ist das verbindende Element zwischen den Episoden?

Mohammad Rasoulof: Was die Geschichten verbindet, ist die Macht selbst zu wählen und die Verantwortung, die jeder Charakter gegenüber der Macht der Tyrannen hat. Unsere Ängste machen diese Tyrannen viel größer, als sie eigentlich sind. Zusammen zeigen die vier Episoden, dass man viel verlieren kann, wenn man „Nein" zur Tyrannei sagt – am Ende jedoch ein Leben voller Erfüllung und Schönheit lebt, geboren aus dem Schmerz des Kampfes und Widerstandes. Das habe ich selbst erlebt.

Alle Charaktere müssen sich auf die eine oder andere Weise mit dem Thema Eigenverantwortung auseinandersetzen

Was bedeutet es dir, dass dein Film „There is no Evil" seine Premiere auf der Berlinale 2020 feiert?

Mohammad Rasoulof: Durch die Berlinale-Teilnahme erhöht sich die Chance, ein weltweites Publikum zu erreichen. Im Iran ist freie künstlerische Meinungsäußerung durch die Zensur leider nicht mehr möglich. Doch die bloße Präsenz eines Kunstwerkes über die iranischen Grenzen hinaus ist ein Beweis dafür, dass wir uns trotz dieser Unterdrückung einer Welt ohne Grenzen nähern. Auch wenn mir die iranische Regierung nicht erlaubt hat, bei der Premiere auf der Berlinale dabei zu sein, wohnt dem Film ein Teil von mir inne – und dieser Teil wird bei der Premiere im Kinosaal in Berlin dabei sein.

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